Sammlung

Maschinelle Bilderzeugung, die von programmierten Algorithmen zusammengesetzt wird, lässt die ›Fotografie‹ einmal mehr in aller Munde sein. Die Frage ist berechtigt, ob im Fall von digital erzeugten Bildern überhaupt noch von einem Zeichnen mit Licht die Rede sein kann oder ob hier nicht vielmehr von virtuellen, also die Wirklichkeit simulierenden Abbildungen gesprochen werden sollte. Die fotoähnlichen Bilder im Netz werden grundlegend anders erzeugt, jedenfalls nicht durch das Drücken auf den Auslöser einer Fotokamera und die im Anschluss hergestellten Abzüge – seien sie analoger oder digitaler Herkunft. Das hat erneut Konsequenzen für unsere Bildwahrnehmung und ebnet den Weg einmal mehr für eine fundierte Medienkritik im Umgang mit nach Fotografie aussehenden Bildern – und das nicht nur im World Wide Web, sondern auch auf allen digitalen Endgeräten, die wir heute schon nutzen oder zukünftig nutzen werden. Was haben diese Bilder noch mit unserer Lebenswirklichkeit zu tun? Wäre es nicht angezeigt, die Inhalte der uns angebotenen Szenarien abermals grundlegend zu hinterfragen?

»Sich im Jahre 1993 für das Sammeln von fotografischen Kunstwerken zu entschließen, war mutig und innovativ«, so kommentiert Uwe Fröhlich, Co-Vorstandsvorsitzender der DZ BANK AG, die Sammlungsausrichtung. »Erst im letzten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts setzten sich fotografische Techniken auf dem Kunstmarkt immer mehr durch und etablierten sich als eigenständiges Medium neben traditionellem künstlerischem Material wie Malerei und Bildhauerei. Mit künstlerischer Fotografie eine neue Unternehmenssammlung zu begründen und diesen Ansatz bis in die digitale Bilderzeugung weiterzuführen, kann als bahnbrechend gelten«, ergänzt Cornelius Riese, ebenfalls Co-Vorstandsvorsitzender der DZ BANK AG.

 

Grenzen überwinden

An welchem Punkt die Fotografie ihren Ursprung hat, ist nicht klar auszumachen. Lassen sich bereits die Schatten im Höhlengleichnis von Platon als erste Lichtzeichnungen charakterisieren? Oder soll man sich eher auf die Beobachtungen des Aristoteles beziehen, der als Erster das Grundprinzip der Camera obscura beschrieb: Anlässlich einer Sonnenfinsternis schilderte er die Erzeugung von auf dem Kopf stehenden Bildern, die durch das löchrige Blätterdach einer Platane auf den Boden geworfen wurden. Ist der Anfang bei dem arabischen Wissenschaftler Alhazen zu verorten, der erste Versuche mit der Camera obscura unternahm, oder bei Leonardo da Vinci, der erkannte, dass das Auge dem Prinzip einer ›dunklen Kammer‹ entspricht? Sind die Maler des 17. Jahrhunderts die ersten ›Lichtzeichner‹, weil sie es waren, die die Projektionen der Camera obscura auf eine Leinwand übertrugen und abmalten? Oder waren die Geburtshelfer der Fotografie tatsächlich erst die Tüftler im 19. Jahrhundert, denen es mithilfe von Silbersalzen oder Asphalt gelang, die projizierten Bilder durch chemische Verfahren festzuhalten?

All diese und weitere Erkenntnisschritte waren notwendige Bedingungen dafür, dass ein fotografisches Bild auf einem chemisch behandelten Bildträger haltbar gemacht werden konnte. Die Fotografie wurde also nicht einfach irgendwann ›erfunden‹, sondern es mussten zunächst drei Faktoren untersucht und verstanden werden: die Lichtwellen, die Optik und die Chemie. Dabei war nicht selten der Zufall ein treuer Begleiter der Mathematiker, Optiker, Physiker, Astronomen, Ingenieure, Chemiker und Künstler. Als die nötigen Entwicklungen vollzogen, die Lichtwellen weitgehend erforscht und die Linsen so weit gediehen waren, dass man sie für die Optik einer Kamera einsetzen konnte, als zudem die chemischen Stoffe entdeckt waren, um einen Film herstellen und ein Bild entwickeln und fixieren zu können, wurde schnell deutlich, dass es ganz verschiedene Wege gab und gibt, um eine analoge Fotografie zu erzeugen.

Neben der Fotogravüre oder den mit Asphaltstaub und Lavendelöl bestrichenen Metallplatten, die von Joseph Nicéphore Niépce 1824 zur Haltbarmachung einer Fotografie herangezogen wurden, experimentierte der Maler Louis Jacques Mandé Daguerre 1837 mit Direktbelichtungen (Unikaten). Hippolyte Bayard hingegen gilt als Erfinder des Direktpositivverfahrens, das er 1839 vorstellte. William Henry Fox Talbot wiederum gelang es 1835, das erste erhaltene Bild mit einem Negativ-Positiv-Verfahren herzustellen, womit er den Grundstein für alle folgenden fotografischen Prozesse bis zur Einführung der digitalen Kamera am Ende des 20. Jahrhunderts legte.

Diese unterschiedlichen Methoden aus den Anfangsjahren der Produktion fotografischer Bilder veranschaulichen bereits, dass es nicht nur eine Möglichkeit gab, mit Licht zu zeichnen und das Abbild haltbar zu machen. Und es sollten noch zahlreiche weitere Herstellungsweisen folgen, von denen im Laufe der Zeit nicht wenige wieder verworfen wurden. »Nichts versteht sich von selbst, wenn es um die Selbstverständlichkeit der Fotografie geht. Das Medium ist im Gegenteil äußerst komplex«, schreibt Hortensia Völckers im Katalog zur Ausstellung »(Mis)Understanding Photography«.

Fotografische Bilder gibt es bis heute als Abzüge auf einer Vielzahl unterschiedlicher Papiersorten, als Dias, als Lithografien ebenso wie als Fotogravüren, Direktbelichtungen oder Fotogramme, in Schwarz-Weiß oder in Farbe, analog oder digital – um nur einige zu nennen. Sie kommen in den Wissenschaften und der Medizin, im Journalismus und als Dokument sowie mit mannigfaltigen spezialisierten Verfahren in zahlreichen Disziplinen zum Einsatz. Bis ins 20. Jahrhundert bezeichnete ›Fotografie‹ schlicht alle Bilder, die mit Licht auf einer chemisch bearbeiteten Bildoberfläche erzeugt wurden. Dieser Tatbestand verdeutlicht, dass die Fotografie nicht nur eine Technik, sondern eine große Bandbreite unterschiedlicher Prozesse umfasst.

Am Ende des 20. Jahrhunderts kamen entscheidende Erfindungen hinzu, die sich als digitale Verfahren zusammenfassen lassen. Auch in der digitalen Fotografie gibt es unterschiedliche Kameras, die im Jahr 2022 in der Systemkamera kulminieren und die ihrerseits die Spiegelreflexkamera überflüssig machte. Wie in der Fotografie der ersten 170 Jahre gibt es auch hier eine Vielzahl an Übertragungsformen auf unterschiedlichste Bildträger. Darüber hinaus entstanden zahlreiche Verschränkungen von analogen und digitalen Methoden, durch die beide Verfahren miteinander verwoben werden.

Heute können datenbasierte Systeme Bilder erzeugen, die auf programmierten Algorithmen basieren und die auf Daten zurückgreifen, die wir ihnen als User zur Verfügung stellen. Durch die Eingabe eines Nutzers kann dieser ein völlig neues Bild generieren. Inwiefern dieses Bild noch in einem Bezug zu unserer Lebenswirklichkeit steht, ist nicht mehr sicher zu erkennen. Hier stehen wir erst am Anfang.

Die Fotografie war schon immer ein technisches Medium. Je weiter sich die Apparate zur Herstellung fotografischer Bilder entwickeln, desto stärker verändern sich auch die Prozesse ihrer Erzeugung sowie ihrer Anwendungen. Künstlerinnen und Künstler nutzen die gesamte Bandbreite fotografischen Materials und wandeln es in ihren je eigenen kreativen Prozessen um. Dies macht fotografische Verfahren zu den vielleicht vielseitigsten künstlerischen Gestaltungsmitteln der gegenwärtigen Kunstproduktion überhaupt.

Die Fotografie als künstlerische Gattung

Seit der Konzeptkunst der 1960er Jahre und noch einmal verstärkt seit dem Einzug digitaler Verfahren in die Künste werden Gattungsgrenzen immer öfter überschritten. Künstlerinnen und Künstler beschränken sich meist nicht mehr nur auf eine Technik. Sie malen und fotografieren, bauen Installationen und befragen den Raum. Sie ergänzen ihre Werke mit Sound und erzeugen digitale stille sowie bewegte Bilder. So entstehen unzählige fotografische Abwandlungen über die Themen unserer Zeit.

Die räumliche Befragung ist der fotografischen Kunst von Beginn an eingeschrieben. Aus einer Kammer (Camera obscura) geboren, bannt sie die dreidimensionale Umgebung in zweidimensionale Bilder. Was liegt also näher, als die Fotografie in ihren Ableitungen wieder in den Raum zurückzuführen? So werden die Grenzen des Bildträgers durch die digitale Fotografie entscheidend infrage gestellt und erheblich erweitert.

Die Verantwortlichen der Sammlung der DZ BANK haben sich von Anfang an auf Künstlerinnen und Künstler konzentriert. Das zeigt sich auch darin, dass nicht wenige Werke aufgenommen wurden, die nicht von Fotografen, sondern von Malerinnen, Bildhauern, Land-Art-Künstlerinnen sowie Performance- und Konzeptkünstlern u. a. geschaffen wurden, die die Fotografie als experimentelles Material aufgreifen. Gleichzeitig fanden nur solche dokumentarischen und journalistischen Positionen ihren Weg in die Sammlung, die nicht allein der ›Wirklichkeitsabbildung‹ verpflichtet sind, sondern mit Zitaten aus der bildenden Kunst hantieren und künstlerische Verweise aufnehmen. So finden sich alle Genres (Bildthemen) in der Sammlung wieder. In den frühen 1990er Jahren war dies ein innovativer Sammlungsansatz, der bis heute weiterwirkt. Von Beginn an wurden also Werke von Künstlerinnen und Künstlern in die Sammlung aufgenommen, die die Fotografie in allen Gattungen (Materialien) repräsentieren.

»Seit Januar 2021 übernimmt die Kunststiftung DZ BANK die Aufgabe, die umfangreiche Sammlung fotografischer Werke der Öffentlichkeit zuzuführen«, sagt Thomas Ullrich, der als Mitglied des Vorstands der DZ BANK AG der Kunststiftung vorsitzt. »Immer wieder ist es der Kunststiftung ein Anliegen, in der Ausstellungstätigkeit und in ihrem umfangreichen Vermittlungsprogramm die enorme Vielfalt der Fotografie als künstlerisches Material deutlich zu machen.«

Auffallend ist: Indem sich vor allem junge Kunstschaffende nicht mehr mit der Wirklichkeitsabbildung beschäftigen, sondern die Fotografie als Technik ausloten, gewinnen sie die Freiheit, sich mit den Etappen der fotografischen Entwicklungsgeschichte zu befassen – und zwar von den Schattenbildern in Platons Höhlengleichnis bis hin zur computerisierten Verwendung der Fotografie. Die Sammlung der DZ BANK erzählt mit ihren Beständen von über 10.000 Kunstwerken von ebendieser Befreiung der Fotografie zur künstlerischen Gattung und kann daher als ein Spiegel der fotografischen Kunstproduktion nach 1945 bis zur Gegenwart betrachtet werden.

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