In dieser Ausstellung werden Kunstwerke gezeigt, bei denen eine Wahrnehmungsverschiebung mit fotografischen oder manuellen Manipulationen erreicht wird. Durch diese Verschiebungen lernen wir unsere Umwelt neu zu sehen und unsere Aufmerksamkeit zu schärfen.
Jorma Puranen (*1951) hält in seinem Fotozyklus »Icy Prospects« an der Abbild Funktion der Fotografie fest. »Fotografie ist nicht die Reflexion von Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit dieser Reflexion«, zitiert Puranen in seinen Erläuterungen zur Werkreihe aus dem Jahr 2005 den Filmemacher JeanLuc Godard – und nimmt ihn beim Wort: Er bestreicht zunächst Holzplatten mit schwarzem Alkydharzlack, um anschließend die Lichtreflexionen und Spiegelungen, die sich auf dem lackierten Holz abzeichnen, zu fotografieren. Durch die Maserungen und kleinen Unebenheiten des »Bilduntergrundes« ebenso wie durch die sichtbaren Pinselzüge in der Lackoberfläche ergibt sich ein beeindruckendes Spiel von Lichtbrechungen, die Puranen mittels einer Langzeitbelichtung festhält. Mit seinen Aufnahmen lenkt er das Augenmerk auf die ästhetische Erscheinung der mehr oder weniger abstrakten Licht und Schattenformationen. In der Ausschnitthaftigkeit der Fotografien werden sie zu malerisch verschwommenen arktischen Eislandschaften, in denen sich unser Blick verliert. Im Grunde beschreitet Puranen den Weg »vom Gegenstand zur Abstraktion« also in umgekehrter Richtung. Es wirkt zwar alles merkwürdig verzogen; dennoch scheint es, als schauten wir durch den blauen Schleier einer Eisdecke auf Wasser, Berge oder einen wolkenverhangenen Himmel.
Der Fotograf Jochen Dietrich (*1965) reiste ein halbes Jahr lang durch Portugal, um Lichtspielhäuser mit einer Loch-Kamera zu fotografieren, genauer gesagt: mit einer selbst entwickelten Sechs-Loch-Kamera, die ihm erlaubt, 360-Grad-Panoramen in Fragmenten aufzunehmen, die sich auf der Bildfläche überlagern. Die Beschäftigung Dietrichs mit der Lochkamera-Technik geht auf seine Studienzeit an der Siegener Kunsthochschule zurück. Der entscheidende Unterschied zur modernen Spiegelreflexkamera ist die Art, wie die Lochbildkamera den Prozess der Belichtung in ein komplexes Ritual verwandelt. Das langwierige Fotografieren mit der Lochkamera gibt Dietrich Gelegenheit zu Reflexionen über den Zusammenhang von Zeit und Wahrnehmung. Er spricht von der in seinen Arbeiten abgebildeten Fülle von Zeit.
Die »Nutzbarmachung und Veränderung von Natur durch den Menschen« benennt der Kunsthistoriker Matthias Reichelt als zentrales Thema im Schaffen von Naoya Hatakeyama (*1958). In seinen Werkreihen entwirft der japanische Fotograf ein Bildpanorama von Orten, an denen sich der Mensch der Natur bemächtigt. Dabei geht es ihm weniger darum das »Ende des Naturhaften« als vielmehr die »permanente Metamorphose und Transformation« herauszustellen. Für den Zyklus »River Series/Shadow« beobachtet Hatakeyama für die weithin sichtbare Struktur der Stadt: Durch einen Kunstgriff erhebt sich in den Aufnahmen die Tokioter Stadtsilhouette als schemenhafte Lichtspiegelung auf der leicht bewegten Wasseroberfläche der oberirdischen Kanäle. Hierfür fotografiert Hatakeyama die farbenfrohen Lichtreflexionen auf den Abwasserverläufen – und stellt die Bilder auf den Kopf.
Die »Lake Pictures« von Lucinda Devlin (*1947) zeigen Aufnahmen des Lake Huron, in dessen Nähe sie ein Cottage besitzt. In einem Zeitraum von etwa zwei Jahren und zu verschiedenen Jahres- und Tageszeiten hat sie den See von der immer gleichen Position aus »portraitiert«. Doch paradoxerweise ist bei den »Lake Pictures« weniger der See als vielmehr die Zeit der Protagonist. Denn erst durch längere Belichtungszeiten von bis zu zwei Stunden kommt es zu der ungewöhnlichen Farbgebung, die das Motiv teilweise völlig unkenntlich machen und eher an ein abstraktes Gemälde denken lassen als an eine Fotografie.
Devlin akkumuliert Licht und zeigt, was das menschliche Auge niemals wahrnehmen könnte, zum Beispiel die Bewegung der Sterne. Die Lichtwolke, die auf manchen Bildern im Hintergrund zu sehen ist, ist keineswegs der Sonnenuntergang, sondern das Hereindringen der Lichter einer Stadt, die sich am gegenüberliegenden Seeufer befindet, aber für uns Menschen gar nicht sichtbar ist, da sie knapp hinter dem Horizont liegt. Auf diesem Wege betreibt Devlin im wortwörtlichen Sinne »Lichtmalerei«.
Jochen Dietrich wurde 1965 in Siegen geboren, heute lebt und arbeitet er in Mudersbach (D).
Naoya Hatakeyama wurde 1958 in Rikuzentakata (J) geboren. Er lebt und arbeitet in Tokio (J).
Lucinda Devlin 1947 in Ann Arbor, Michigan (US) geboren, sie lebt und arbeitet in Greensboro, North Carolina (US).
Jorma Puranen wurde 1951 in Pyhäjoki, (FI) geboren, er lebt und arbeitet in Helsinki, (FI).