Robert Voit, Lathyrus odoratus, 2014

Blumenbildnisse

Joan Fontcuberta
Ingolf Timpner
Robert Voit

 

In dieser Etagenausstellung richten wir den Blick auf Pflanzendarstellungen. Mit reduzierten Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Blumen, Blättern, Kräutern und anderen Gewächsen loten Joan Fontcuberta, Robert Voit und Ingolf Timpner das Verhältnis zwischen Kunst und Natur aus. In Anknüpfung an die Tradition des Botanisierens entwickeln die drei Fotokünstler Serien von Pflanzenbildern, in denen sie den wissenschaftlichen Dokumentationszweck von Herbarien künstlerisch überformen. Dabei geben die Fotografien keineswegs immer nur tatsächlich existierende Blumen und Gewächse wieder.

So sehen die Aufnahmen der Werkreihe »Herbarium« aus den Jahren 1982 bis 1985 von Joan Fontcuberta zwar auf den ersten Blick wie eine Sammlung wissenschaftlicher Fotos von exotischen Pflanzen aus. Tatsächlich erkennen wir in den Blumenbildnissen jedoch fantastische Gebilde, die Fontcuberta aus verschiedensten Materialien modelliert hat: Dem Kohlkopf des Bildes »Lavendula Angustifolia« entspringt eine Knospe in der Gestalt eines von unten aufgenommenen Schnabeltierkopfes, in der Aufnahme »Licovornus Punxis« sprießen aus dem Blätterstamm zwei Krabbenscheren, und der Blütenkopf der »Saxifrage Paniculata« erweist sich bei genauem Hinsehen als ein Knäuel aus Plastikabfall. Auch die lateinischen Titel täuschen eine botanische Bezeichnung der Kunstblumen lediglich vor – tatsächlich sind es Wortspielereien, die aneinandergereiht ein surrealistisches Gedicht ergeben. Auf diese Weise hinterfragt Joan Fontcuberta unsere Wahrnehmung von Fotobildern und führt uns, wie er selbst sagt, eine »durch die Fotografie ermöglichte wissenschaftliche Täuschung« vor Augen.

Eine ganz ähnliche Bildreihe präsentieren wir mit den Arbeiten von Robert Voit aus dem Jahr 2014. Für den Zyklus »The Alphabet of New Plants« fotografiert auch er in einer betont sachlichen Inszenierung Blumen und Pflanzen vor hellem Hintergrund und spielt damit auf die systematische Erfassung botanischer Besonderheiten an. Immer in Nahsicht und zentral in die Bildmitte gerückt, richtet Voit den Fokus auf Knospen und Blüten. Über deren Farbigkeit lässt sich in den schwarz-weißen Bildern freilich nur spekulieren. Umso mehr wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf die verschiedenen Oberflächenstrukturen der Gewächse gelenkt. Selbst kleinste Details der unterschiedlichen Beschaffenheit von Stiel, Blütenkelch und Blüte werden dem Betrachter vor Augen geführt. Tatsächlich handelt es sich diesmal um real vorkommende Pflanzenarten, deren botanische Namen im Titel der Fotobilder genannt werden. ›Echt‹ sind die abgelichteten Blumen und Gräser aber dennoch nicht. Bei genauem Hinschauen erkennt man, dass es sich bei Voits »Alphabet neuer Pflanzen« um industriell gefertigte Plastik- und Stoffblumen handelt. So gewinnt die Verbindung von Kunst und Natur in seinen Fotos eine konkrete bildliche Gestalt.

Dagegen zeigt Ingolf Timpner die Pflanzen in seinem zwölfteiligen Tableau aus der Serie »Runge« als weiße Aussparungen auf schwarzem Grund. Fasziniert von den Schattenrissen und Scherenschnitten mit floralen Motiven des romantischen Künstlers Philipp Otto Runge, bedient sich der Düsseldorfer Fotograf eines kameralosen Bildgebungsverfahrens, mit dem er die Ästhetik von Runges Pflanzenschnitten fotografisch aufgreift: Für seine Bilderreihe aus dem Jahr 2011 schneidet Timpner die botanischen Formen in schwarze lichtdurchlässige Folie, legt sie auf Fotopapier und belichtet sie. Auf die so entstandenen »Kontaktkopien« trägt er anschließend die Entwicklerflüssigkeit mit einem Schwamm auf, wodurch das Hintergrundschwarz an den Randbereichen der Fotografien ausläuft. Dergestalt machen die Handabzüge nicht nur die gestalterische Vorgehensweise des Künstlers sichtbar – es sind auch allesamt Unikate.

 

Joan Fontcuberta wurde 1955 in Barcelona, Spanien geboren. Er lebt und arbeitet in Barcelona.

Robert Voit wurde 1969 in Erlangen, Deutschland geboren. Er lebt und arbeitet in München.

Ingolf Timpner wurde 1963 in Mönchengladbach, Deutschland geboren. Er lebt und arbeitet in Düsseldorf.