Kreative Störung
1. Oktober 2025 bis 28. März 2026
Das Silicon Valley ist bekannt dafür, dass es das kreative Potenzial des Scheiterns und Fehlermachens dazu nutzt, um neue Ideen und Entwicklungen zu forcieren, die dann möglichst gewinnbringend in ökonomische Kreisläufe gebracht werden. Im Gegensatz dazu nutzen Künstlerinnen und Künstler das Experiment, das Scheitern, den Fehler und den Zufall als einen bewussten Teil des Arbeitsprozesses, um bildnerische Fragestellungen, Techniken und Inhalte neu zu denken. Diese Ausstellung widmet sich dem Fehler als einer kreativen und höchst produktiven Methode.
Kennzeichnend für das Werk von Ketuta Alexi-Meskhishvili ist ihre vielschichtige Durchdringung der Fotografie als technisches Medium. Ihre Arbeiten bewegen sich offensiv an der Schwelle vom Analogen zum Digitalen. In den hier gezeigten Werken lichtet die Künstlerin u. a. Computerbildschirme mit einer analogen Großbildkamera ab: Die Pixel, die die Information auf dem Bildschirm zusammenhalten, überlagern sich mit der Körnung des analogen Prints – beide verstärken oder schwächen sich gegenseitig. Zudem hebt der Print Spuren (Fingerabdrücke, Schmutz) auf der spiegelnden und von hinten beleuchteten Oberfläche des Monitors hervor, Spuren, über die wir normalerweise hinwegsehen, wenn wir Bilder am Bildschirm betrachten. Es sind genau diese Schwellenbereiche, die der Künstlerin dazu dienen, die Materialität des Fotografischen zu betonen und zugleich die Repräsentationslogiken des fotografischen Bildes subtil zu hinterfragen.
Die Vorgehensweise von Alexander Endrullat bei seinen fotografischen Bildfindungen kann man fast schon alchemistisch nennen. Bereits vor der Aufnahme bearbeitet er den Fotofilm auf diverse Weise, indem er ihn teilweise belichtet oder sogar verformt. Sobald der passende Ort und Zeitpunkt für die Aufnahme gefunden sind, experimentiert der Künstler mit unterschiedlichsten Fototechniken. Dabei entstehen digitale und analoge Aufnahmen in vielfältigen Variationen. Mit der Lochkamera oder einem Fotoapparat werden verschiedene Zeit- und Blendeneinstellungen erprobt, bis dann in der Dunkelkammer das Bild erneut einem Bearbeitungsprozess ausgesetzt ist, der sich durch die dabei getroffenen künstlerischen Entscheidungen und den fotochemisch bedingten Zufallsprozess auszeichnet. Alexander Endrullat lässt sich also keine Gelegenheit entgehen, um in den Fotoprozess einzugreifen und durch Störungen zu ungewohnten Ergebnissen zu kommen.
Auch der finnische Künstler Miklos Gaál setzt gekonnt die Unschärfe als künstlerisches Mittel im Medium der Fotografie ein. Seine Motive findet er in seiner unmittelbaren Umgebung. Meist sind es ländliche oder urbane Landschaften. Mit der analogen Großbildkamera setzt Miklos Gaál den Fokus und bewegt dann die Kamera, wodurch ein für unser Auge ungewohntes Bild entsteht. Dem Künstler ist es wichtig, mit ausschließlich analogen Mitteln zum Bild zu gelangen, ohne jeglichen Einsatz digitaler Nachbearbeitung. Die Arbeiten haben einen ausdefinierten Ankerpunkt, der das Hauptgeschehen bildet. Der umliegende Raum ist durch schlierenhafte Unschärfe bestimmt. Dadurch wird die Hauptszene nicht nur aus dem Umfeld gelöst, sie wirkt durch diesen optischen Trick fast modell- und miniaturhaft. Die Bilder erhalten eine traumartige Dimension und erlauben uns einen neuen, bisher unbekannten Blick auf unsere Wirklichkeit.
Die Fragen, die der Maler Johannes Deutsch an seine Bilder richtet, entwickelt er aus den technischen und philosophischen Diskursen der (Öl-)Malerei. Während Gemälde als additive Verfahren durch immer neue Schichten von Farbe entstehen, wird bei Fotografien der Film in Sekundenbruchteilen belichtet. Die Bildbearbeitung am Computer erlaubt es, in mehreren, über- und nebeneinanderliegenden Ebenen gleichzeitig zu agieren, einzelne Elemente auszuschneiden, zu collagieren und durch unterschiedliche Farb- und Transparenzfilter miteinander in Verbindung zu setzen. Dieser Prozess lässt sich bewusst auf Übertragungs- und Darstellungsfehler ein und macht diese Effekte für sich fruchtbar. »Die Basis dieses Projektes«, so beschreibt der Künstler sein Vorgehen bei den hier gezeigten Bildern, »bestand darin, mithilfe eines gleichbleibenden Sujets, dem Porträt von Italo-Léon [dem Sohn des Künstlers, Anm. d. Autors] vor der Donau, das in verschiedenen Techniken der Ölmalerei, der computergenerierten Collage und Grafik und als Acrylglas-Raumschichtenbild gestaltet wurde, durch das Konzert der drei Bildinstrumente ein imaginäres Bild von Italo-Léon auszulösen.«
Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die Künstlerin Anke Cott mit ihren Bildfindungen. Mithilfe von 3D-Computerprogrammen entstehen ihre Grafiken als Modelle im digitalen Raum. Manche Elemente haben durch ihren fotografischen Ursprung noch einen Bezug zur physischen Welt, während andere als digitale Werkzeuge, Collagen und 3D-Renderings ausschließlich der Welt der Bits und Bytes entspringen. Dennoch behandelt Anke Cott in ihren Werken Fragestellungen der Malerei, was sich nicht zuletzt durch die finalen Ergebnisse in Form von Digitaldrucken auf großformatigen Leinwänden spiegelt. Die Unregelmäßigkeiten, Überlagerungen und Ausschnitte der digitalen Bildbearbeitung erlauben der Künstlerin den Spagat zwischen den Hauptthemen der Malerei: der Nachahmung der Welt, der Abstraktion und der gegenstandslosen Darstellung. Die einkalkulierten, aber auch die zufälligen, im digitalen Bildgebungsverfahren entstehenden Störungen und Fehler werden zu willkommenen Werkzeugen eines kreativen Prozesses, der die Grenzen zwischen den unterschiedlichen Bildgattungen verwischt und irritierende, ungewohnte und somit neue Seherfahrungen ermöglicht.
Ketuta Alexi-Meskhishvili wurde 1979 in Tiflis, Georgien geboren. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
David Armstrong wurde 1954 in Arlington, Massachusetts, USA geboren. Er starb 2014 in Los Angeles, Kalifornien, USA.
Anke Cott wurde 1963 in Schneidlingen, DDR geboren. Sie lebt und arbeitet in Berlin.
Johannes Deutsch wurde1960 in Linz, Österreich geboren. Er lebt und arbeitet in Wien, Österreich.
Alexander Endrullat wurde 1985 in Jena, DDR geboren. Er lebt und arbeitet in Dresden.
Miklos Gaál wurde 1974 in Espoo, Finnland geboren. Er lebt und arbeitet in Amsterdam, Niederlande und Helsinki, Finnland.



